Ein Blick hinter die Kulissen des Weinguts Drautz-Able
1496 beginnt die Geschichte des Weinguts Drautz-Able in Heilbronn. Mehr als 500 Jahre später wird das Weingut bereits in der 18. Generation geführt. Eine Geschichte, die nicht nur von Wein erzählt, sondern vor allem von Menschen, Generationen und der Bereitschaft, immer wieder den eigenen Weg zu gehen.
Genau diese Verbindung aus Herkunft und Neugier prägt Drautz-Able bis heute. Die Familie bewahrt, was sich über Generationen bewährt hat, bleibt dabei aber offen für neue Ideen und Entwicklungen. Seit 1986 gehört das Weingut zur H.A.D.E.S.-Gemeinschaft – einer Verbindung von Winzern, die mit Leidenschaft, gegenseitigem Austausch und dem Mut zu neuen Wegen die deutsche Weinkultur mitgeprägt haben.
Zum 40-jährigen H.A.D.E.S.-Jubiläum haben wir über die Geschichte des Weinguts, den besonderen Stellenwert von Familie und Herkunft, die Anfänge von H.A.D.E.S. und die Frage gesprochen, was es bedeutet, Tradition weiterzuführen, ohne dabei stehen zu bleiben.
Eine außergewöhnliche Geschichte & Tradition
Das heutige Weingut Drautz-Able blickt auf eine über 500-jährige Geschichte zurück. 1496 gründete Jodokus Drautz das Weingut in Heilbronn – heute wird es in 18. Generation geführt. Was bedeutet eine solch lange Familien- und Weingutsgeschichte für Sie persönlich?
Eine solche Geschichte ist natürlich etwas ganz Besonderes. Wenn man weiß, dass Jodokus Drautz das Weingut bereits 1496 in Heilbronn gegründet hat, bekommt der Begriff Herkunft noch einmal eine ganz andere Bedeutung. Für mich bedeutet Tradition aber nicht, etwas einfach unverändert weiterzuführen. Tradition ist für mich vielmehr ein Fundament. Sie gibt einem Orientierung, aber sie darf einen nicht daran hindern, sich weiterzuentwickeln. Wir haben das große Glück, auf sehr viel Erfahrung zurückgreifen zu können. Gleichzeitig müssen wir unseren eigenen Weg finden und das Weingut in die Zukunft führen. Genau diese Verbindung aus Herkunft, Erfahrung, Neugier und Veränderung finde ich spannend.
Und gibt es einen Moment oder eine Geschichte aus der langen Vergangenheit des Weinguts, die Ihnen persönlich besonders am Herzen liegt?
Mich fasziniert besonders, wie viele Generationen vor uns mit Wein gearbeitet und Entscheidungen getroffen haben, ohne die Möglichkeiten zu haben, die wir heute haben. Trotzdem ging es immer um dieselben grundlegenden Fragen: Was gibt der Jahrgang her? Was braucht der Weinberg? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Ein Symbol dafür ist für mich auch unser Name Jodokus. Einige unserer besten Cuvées tragen heute wieder den Namen unseres Gründers. Damit verbinden wir Vergangenheit und Gegenwart auf eine sehr schöne Weise.
Tradition, Handwerk & Innovation
Drautz-Able verbindet eine jahrhundertealte Tradition mit Neugier, Experimentierfreude und neuen Ideen. Wo ist es Ihnen besonders wichtig, an traditionellen Methoden festzuhalten?
Für mich beginnt Wein immer im Weinberg. Die Lage, der Boden, die Rebsorte und der Jahrgang geben sehr viel vor. Deshalb ist eine intensive und sorgfältige Arbeit im Weinberg für mich unverzichtbar. Wir setzen beispielsweise auf 100 Prozent selektive Handlese und eine sehr sorgfältige Auswahl der Trauben. Auch der schonende Ausbau und die nötige Zeit für die Weine gehören für mich zu diesem handwerklichen Verständnis.
Und wo sagen Sie bewusst: „Hier müssen wir Neues ausprobieren“?
Eigentlich immer dort, wo wir das Gefühl haben, dass wir dadurch den Wein besser verstehen oder seine Herkunft und seinen Charakter noch deutlicher zeigen können. Neugier und Experimentierfreude gehören für mich zum Winzerberuf. Wir probieren Dinge aus, beobachten sehr genau und entscheiden dann, was zum Wein passt. Das kann ein klassischer Ausbau sein, aber genauso ein Naturwein oder eine andere Form der Vinifikation. Mein Grundsatz ist dabei: Wir müssen nicht alles machen, nur weil es möglich ist. Wir sollten vielmehr herausfinden, was der Wein wirklich braucht. Weniger Eingriffe, mehr Vertrauen in die Rebe und in das Ausgangsmaterial – das ist für mich ein wichtiger Teil unserer Philosophie.
H.A.D.E.S. – 40 Jahre gemeinsame Geschichte
Drautz-Able gehört seit 1986 zur H.A.D.E.S.-Gruppe. Was hat H.A.D.E.S. aus Ihrer Sicht damals so besonders gemacht?
H.A.D.E.S. war vor allem eine Gemeinschaft von Winzern, die bereit war, etwas auszuprobieren, was damals in Deutschland keineswegs selbstverständlich war. 1986 schlossen sich fünf schwäbische Weingärtner zur „Studiengruppe Neues Eichenfass“ zusammen. Wissenschaftlich begleitet wurden sie von der Weinbauschule Weinsberg. Ihr gemeinsames Thema war der Ausbau von Wein im kleinen Eichenholzfass – also Barrique. Damals waren Holzaromen bei deutschen Weinen vielfach noch unerwünscht. H.A.D.E.S. war deshalb auch eine Gemeinschaft von Menschen, die den Mut hatte, gegen den damaligen Mainstream einen eigenen Weg zu gehen.
Was war die Idee, die die fünf Winzer miteinander verbunden hat – und was davon ist bis heute erhalten geblieben?
Es ging nie einfach darum, Wein in ein Holzfass zu legen. Die Idee war, die Qualität des Ausgangsmaterials ernst zu nehmen und herauszufinden, welches Potenzial darin steckt. Bis heute ist dieser Qualitätsanspruch geblieben. Ein HADES-Wein beginnt nicht im Barrique, sondern im Weinberg. Die Trauben müssen gesund, vollreif und entsprechend selektiert sein. Erst dann kann der Wein im kleinen Holzfass seine Entwicklung beginnen.
Und am Ende gibt es noch die gemeinsame Verkostung. Ein Wein darf sich nur HADES nennen, wenn er auch die kritische Prüfung der anderen HADES-Winzer besteht.
Und was bedeutet die H.A.D.E.S.-Gemeinschaft für Sie persönlich?
Für mich bedeutet sie vor allem Austausch. Man hat Menschen um sich, die Wein genauso ernst nehmen wie man selbst – und die trotzdem ihre ganz eigene Handschrift haben. Das Spannende ist, dass man miteinander diskutieren, voneinander lernen und sich gegenseitig auch einmal kritisch hinterfragen kann. Das hält einen wach.
HADES-Weine – damals und heute
Die HADES-Weine entstanden in einer Zeit, in der der Ausbau deutscher Weine im kleinen Eichenholzfass noch längst nicht selbstverständlich war. Wie erinnern Sie sich an diese Anfangszeit?
Die Anfänge waren geprägt von Neugier und einer gewissen Hartnäckigkeit. Die HADES-Winzer waren überzeugt, dass das kleine Eichenholzfass auch für deutsche Weine neue Möglichkeiten eröffnen kann. Heute erscheint uns der Barriqueausbau selbstverständlich. Damals war das in Deutschland etwas ganz anderes. Genau deshalb war H.A.D.E.S. auch eine Art Gegenbewegung zum damaligen Mainstream.
Was hat die HADES-Winzer damals so überzeugt, gegen den damaligen Mainstream einen eigenen Weg zu gehen?
Die Überzeugung, dass Wein nicht nach einem festen Schema entstehen muss. Wenn man von der Qualität der Trauben überzeugt ist, kann man auch neue Wege gehen. Wichtig ist aber, dass die Innovation nicht zum Selbstzweck wird. Am Ende muss der Wein überzeugen. Genau das ist für mich bis heute der entscheidende Punkt: Wir wollen nicht anders sein, um anders zu sein. Wir wollen herausfinden, was einen Wein besser, spannender und individueller macht.
Was macht H.A.D.E.S. besonders?
Wenn Sie die H.A.D.E.S.-Gruppe jemandem beschreiben müssten, der noch nie davon gehört hat: Was unterscheidet H.A.D.E.S. von einer klassischen Winzervereinigung?
Ich glaube, H.A.D.E.S. war von Anfang an sehr viel persönlicher. Es ging nicht darum, möglichst viele Mitglieder zu haben oder eine große Organisation aufzubauen. Es ging um eine kleine Gruppe von Winzern, die gemeinsam etwas entwickeln wollte und bereit war, sich gegenseitig sehr offen und kritisch mit den Weinen auseinanderzusetzen. Diese Kombination aus Freundschaft, fachlichem Austausch und einem sehr hohen Qualitätsanspruch ist für mich das Besondere.
Ist es vor allem die gemeinsame Qualitätsphilosophie, die Freundschaft, der fachliche Austausch – oder vielleicht gerade die Mischung aus all diesen Dingen?
Genau die Mischung. Ohne Freundschaft würde eine so intensive Zusammenarbeit wahrscheinlich nicht über 40 Jahre funktionieren. Ohne fachlichen Austausch wäre die Gruppe irgendwann stehen geblieben. Und ohne den gemeinsamen Qualitätsanspruch hätte H.A.D.E.S. seine Identität verloren. Das Entscheidende ist für mich deshalb nicht ein einzelner Punkt, sondern dass diese Dinge zusammenkommen.
40 Jahre H.A.D.E.S. – ein Blick zurück und nach vorne
Wenn Sie auf diese vier Jahrzehnte zurückblicken: Was war für Sie persönlich der schönste oder prägendste Moment innerhalb der H.A.D.E.S.-Gemeinschaft?
Für mich ist es weniger der eine einzelne Moment als die Tatsache, dass aus einer Idee von damals eine Gemeinschaft entstanden ist, die bis heute Bestand hat. 1986 war die Idee des kleinen Eichenholzfasses in Deutschland noch etwas Besonderes. Heute gehören Holzfass und Barrique ganz selbstverständlich zur Weinwelt. Dass H.A.D.E.S. diesen Weg so früh gegangen ist und sich über vier Jahrzehnte weiterentwickelt hat, finde ich beeindruckend. Besonders schön ist für mich, dass dabei die persönliche Verbindung zwischen den Winzern erhalten geblieben ist.
Und was wünschen Sie der H.A.D.E.S.-Gruppe für die kommenden 40 Jahre?
Vor allem Neugier. Ich wünsche mir, dass H.A.D.E.S. weiterhin den Mut hat, Fragen zu stellen und Dinge auszuprobieren. Gleichzeitig sollte die Gruppe ihre Wurzeln nicht vergessen. Die Welt des Weins verändert sich. Klima, Konsumgewohnheiten, Nachhaltigkeit und neue Stilrichtungen stellen uns vor neue Aufgaben. Gerade deshalb braucht es Gemeinschaften, in denen man sich austauschen und gemeinsam weiterentwickeln kann.
Wein & Gastronomie
Die H.A.D.E.S.-Weine stehen für besondere Qualität und Genussmomente und haben ihren festen Platz in der gehobenen Gastronomie gefunden. Was bedeutet für Sie die Verbindung zwischen Winzer und Gastronomie?
Wein und Essen gehören für mich ganz selbstverständlich zusammen. Ein Wein kann durch ein Gericht völlig anders wirken – und umgekehrt kann ein Wein einem Gericht eine zusätzliche Dimension geben. Genau dieser Dialog interessiert mich. Deshalb verstehen wir Wein nicht nur als Getränk, sondern auch als Begleiter. Unsere Weine sollen Gespräche und besondere Momente schaffen. Gerade in der Gastronomie erlebt man sehr schön, wie Wein und Küche miteinander funktionieren. Für mich ist es deshalb wichtig, mit Gastronomen im Austausch zu bleiben und zuzuhören. Was funktioniert? Was überrascht? Was macht Freude? Daraus entstehen oft neue Ideen.
Ein Blick hinter die Kulissen
Gibt es eine besondere, vielleicht auch lustige oder kuriose Anekdote aus Ihrem Alltag als Winzer oder aus den Anfangsjahren von H.A.D.E.S., die Ihnen bis heute im Gedächtnis geblieben ist?
Bei H.A.D.E.S. gehört sicher dazu, dass Weinverkostungen nicht immer nur aus Zustimmung bestehen. Gerade das ist aber auch das Interessante. Wenn mehrere Winzer zusammensitzen und jeder seine eigene Vorstellung davon hat, wie ein Wein aussehen sollte, können Diskussionen durchaus intensiv werden. Am Ende muss man sich dem Wein stellen. Ein Etikett, ein Name oder eine Geschichte helfen einem bei einer HADES-Verkostung nicht weiter. Der Wein muss im Glas überzeugen.
Vielleicht eine Geschichte aus einer gemeinsamen Verkostung, einer Weinlese, einer Reise oder einer Diskussion unter den H.A.D.E.S.-Winzern?
Eine konkrete Geschichte würde ich hier lieber mit einer echten gemeinsamen Erinnerung ergänzen. Was mir aber aus solchen Situationen besonders wichtig ist: Man kann gemeinsam sehr leidenschaftlich diskutieren und danach trotzdem miteinander lachen. Und genau das gehört für mich zu H.A.D.E.S. dazu.
Die Menschen hinter dem Wein
Bei Drautz-Able spielt die Familie eine besondere Rolle. Heute arbeiten mehrere Generationen gemeinsam am Weingut. Was macht für Sie eine gute Zusammenarbeit innerhalb der Familie aus?
Respekt und Vertrauen. Wenn Familie und Beruf zusammenkommen, kann man nicht einfach nur nach Stellenbeschreibung arbeiten. Jeder bringt seine eigene Persönlichkeit, seine Erfahrung und seine Ideen mit. Heute führe ich das Weingut gemeinsam mit meiner Mutter Monika und meiner Frau Stephanie. Stephanie ist selbst Weinbetriebswirtin und bringt ihre eigene fachliche Sicht ein. Das macht die Zusammenarbeit spannend, manchmal sicher auch herausfordernd – aber genau daraus entstehen neue Impulse. Für mich ist wichtig, dass jeder seinen eigenen Blick behalten darf. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Entscheidend ist, dass am Ende das gemeinsame Ziel zählt: gute Weine zu machen und das Weingut weiterzuentwickeln.
Württemberg & die Zukunft des Weinbaus
Wie hat sich Ihrer Meinung nach der Stellenwert württembergischer Weine in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Württemberg hat unglaublich viel Potenzial. Wir haben besondere Böden, interessante Lagen und Rebsorten, die sehr gut zu unserer Region passen. Gerade der Lemberger ist für mich eine Rebsorte mit großer Zukunft. Aber auch bei Riesling, Sauvignon Blanc und anderen Sorten können wir zeigen, wie unterschiedlich Württemberg sein kann. Ich glaube, dass die Wahrnehmung württembergischer Weine immer stärker über Herkunft und Qualität funktioniert. Wir müssen nicht versuchen, andere Weinregionen zu kopieren. Wir haben selbst sehr viel zu erzählen.
Wo sehen Sie die größten Chancen für Württemberg und für deutsche Winzer in der Zukunft?
In der Herkunft, in der Qualität und in der Individualität. Wir müssen zeigen, woher unsere Weine kommen und warum sie so schmecken, wie sie schmecken. Gleichzeitig wird Nachhaltigkeit immer wichtiger. Für uns bedeutet das beispielsweise eine naturnahe Bewirtschaftung, der bewusste Verzicht auf Herbizide und 100 Prozent selektive Handlese. Wir wollen unsere Weinberge so bewirtschaften, dass wir sie auch an die nächste Generation weitergeben können. Und wir dürfen neugierig bleiben. Die Zukunft des Weinbaus wird nicht darin liegen, alles so zu machen wie früher. Aber genauso wenig darin, alles Bisherige über Bord zu werfen.
Persönliche Frage zum Abschluss
Wenn Sie den Gästen beim 40-jährigen H.A.D.E.S.-Jubiläum nur eine Sache über Drautz-Able, Ihre Weine, die H.A.D.E.S.-Gemeinschaft oder Ihre Philosophie mitgeben dürften – was wäre es?
Ich würde sagen: Bleibt neugierig. Das gilt für H.A.D.E.S., für Drautz-Able und für Wein insgesamt.
Wir haben eine mehr als 500-jährige Geschichte. Aber diese Geschichte verpflichtet uns nicht dazu, stehen zu bleiben. Sie gibt uns vielmehr die Möglichkeit, aus Erfahrung heraus Neues zu wagen. Für mich entsteht guter Wein aus dem Zusammenspiel von Herkunft, Handwerk, Zeit und Neugier. Wir versuchen, den Wein nicht zu machen, sondern ihm die Möglichkeit zu geben, sich zu entwickeln. Am Ende wünsche ich mir, dass ein Wein nicht nur gut schmeckt, sondern Menschen zusammenbringt, Gespräche entstehen lässt und Lust auf das nächste Glas macht.
Das ist für mich Wein.
